Bushidô – Die Seele Japans

( Quelle für die Abschnitte : Kami- Dô - Der Weg der Götter, Mitgefühl, Wohlwollen und Höflichkeit, Wahrheit und Ehre,
Kokoro Bushidô - Das Herz des Bushidô
 Prof. Dr. Inazo Nitobe (1862-1933), Tokyo 1899)

 Die Entstehung des Japanischen Kaiserreichs

Der Sage nach wurde das japanische Kaiserreich am 11. Februar 660 v. Ch. durch himmlische Götter selbst geschaffen, trat aber erst mit der chin. Schrift und dem Buddhismus in die Geschichte ein. Nur fünf der achtzehn Jahrhunderte sind mit Funden belegt, der Rest ist Legende.

Der Sage nach haben die beiden Gottheiten der Kami-Religion Izanami und Izanagi ein Schwert aus Diamanten in den Ozean getaucht, und aus den herabfallenden Tropfen sind die japanischen Inseln entstanden. Die von Izanami und Izanagi auf der Erde gezeugte "Grosse Leuchtende Himmels-Göttin" (Amaterasu-o-mi-kami) ist der Sage nach die direkte Vorfahren des ersten japanischen Kaisers, die
ihm die drei kaiserlichen  Insigien (Shiki) „Schwert, Spiegel und Edelstein übergab.
diese Hoheitszeichen  sind Symbole für die göttliche Souveränität des japanischen Kaisers (Tenno), der von keinem menschlichen Gremium wähl- oder absetzbar ist.

Der Kaiser ist das höchste Tor (Mi-kado), durch welches man die Verbindung zum Himmel hat. Aufgrund der Vorstellung der göttlichen Abstammung des Kaisers basiert auch die japanische Entstehungsidee. Aus der Uridee (Shin) ist die höchste göttliche Autorität (Kami) entstanden, die eine Manifestation der Uridee ist. Aus dem Kami sind dann sieben Göttergenerationen entstanden, wovon die letzte vom Himmel herabgestiegen ist und die japanischen Inseln und den Menschen geschaffen hat.

Der heutige Kaiser Japans ist nach 26 Jahrhunderten der 127. Nachfolger des ersten Kaisers "Jimmu Tenno". Die Ausübung der Regierungsgeschäfte des Kaisers ist demzufolge kein politischer, sondern ein religiöser Akt.

 

Kami- Dô - Der Weg der Götter

"Kami" ist eine alte japanische Religion, wie das Shinto. Der Japaner fühlt sich im geistigen und auch biologischen Sinn "Kamino-ko" , d.h. ein Sohn der Götter. Der Mensch ist demnach göttlichen Ursprungs, in ihm fliesst das selbe göttliche Blut, das in allen Tieren, Pflanzen und Naturdingen fliesst. Das Wort Kami wird im Chinesischen mit dem Schriftzeichen "Shen" dargestellt, was undurchschaubar oder transzendent bedeutet. Das heisst also, dass der Mensch nicht von dieser Welt ist, dass er anderen Ursprungs ist, nämlich göttlichen.

Deshalb ist seine Seele ursprünglich rein. Man versteht, warum in Shinto-Tempeln nur ein Spiegel hängt, denn der Mensch kann seine göttliche Seele in sich selbst entdecken, wenn er in sich hinein schaut. Deshalb brauchte der Bushido-Kodex nirgends aufgeschrieben und publiziert zu sein, wie es die westliche Welt mit ihren Gesetzen tut. Das ist für einen Japaner nicht nötig, denn das immanente Handlungsgesetz des Universums steht in seinem Herzen (Kokoro) von Gottes Hand geschrieben. Jeder Mensch trägt demnach sein moralisches Gesetz in seinem Herzen, deshalb lautet der wichtigste Spruch der Shinto-Religion "erkenne Dich selbst !" (und somit auch das göttliche Gesetz in Dir selbst).

Die japanische Kirschblüte (Sakura) symbolisiert drei grosse Begriffe des Ahnenkults: Geist, Seele und Bewusstsein. In jedem Haus gab es einen kleinen Hausaltar (Kami-dana), wo Bilder der Ahnen standen und Kerzen brannten. Das Yama-to (grosser Weg) ist der mystisch-religiöse Geist des japanischen Patriotismus, denn die Japaner glauben nicht nur, dass sie alle aus einer göttlichen Familie abstammen, sondern auch dass der irdische Körper vergänglich ist, nicht aber die göttliche Seele. Nach der Kami-Religion kann der Geist der Ahnen auch in Tempeln oder Gegenständen wohnen, weshalb viele Soldaten im Krieg oft kleine Relikte bei sich hatten.

Der  Bushi (jap. "der Wächter") ist durch das Bushi-Do die Verkörperung der "Lehre der Kirschblüte". Die kurzlebige Schönheit der Sakura  soll an die Kurzlebigkeit unseres Lebens erinnern . Deshalb war der Bushi jederzeit bereit, sein Leben zu geben und auf den Boden zu sinken, wie das Blatt der Kirschblüte nach seiner Reife. Der Ka-mi-Weg (auch: Mi-ka-do) betont die Ausübung der religiösen Riten (Misogi), weil die rituellen Praktiken (z.B. Waschung unter Wasserfällen, Fasten, Berggipfel erklimmen), mit Bewusstsein praktiziert, die Seele reinigen.

 Weshalb  unsere „Kampf- / Trainingskleidung als Gy ( Gi)  bezeichnet wird

Auch die Ausübung einer Do-Kunst zielt auf die Reinigung des Geistes ab.
Die Stammform des Wortes Gy oder Gi ( Kampf/Trainingsanzug) ist Giri (Pflicht, sich richtig zu verhalten)

Deshalb sollten wir das Training im Gy (Gi-ri = Pflicht, sich richtig zu verhalten)  sehr ernst nehmen.

 

Mitgefühl, Wohlwollen und Höflichkeit

Der Bushi war nicht nur ein Krieger, sondern auch ein Edelmann, der auch die zarten Künste praktizierte, wie Malen oder Dichten, und der Mitgefühl und Wohlwollen empfinden konnte (Bushi no nasake). Ein wahrer Bushi hat stets Erbarmen mit dem Schwachen oder dem Besiegten.

Eine kleine wahre  Geschichte:

Als einmal der alte Samurai Kumagaye in der Schlacht bei Sumano-ura (1184) dem besiegten Feind, einem jungen Krieger, das Leben schenken wollte, weigerte sich dieser, dieses Geschenk anzunehmen. Um den jungen Mann vor den Repressalien der nahenden Truppe zu bewahren, musste Kumagaye den jungen Samurai letztlich töten. Verbittert über seine eigene Tat, gab Kumagaye nach dem Krieg seinen Beruf auf und wurde Mönch. Danach wendete er niemals seinen Rücken dem Westen zu, weil das Abendland als der Ort des Paradieses galt. So sieht man in der japanischen Kunst oft Bilder, auf welchem ein Priester rückwärts auf einer Kuh reitet, um dem Westen nicht den Rücken kehren zu müssen.

Die zarten Künste der Dichtkunst und der Malerei waren für den Bushi die Gefilde, wo sein Geist nach den grausamen und blutigen Schlachten Frieden zu finden hoffte. So stammen die anmutigsten und friedlichsten Gedichte der japanischen Kultur nicht von Frauen, sondern von Kriegern. Das Mitgefühl mit den Erschlagenen in der Schlacht war eine wichtige Quelle der Höflichkeit und des Wohlwollens.

Die Höflichkeit des Bushido war praktizierte Bescheidenheit und Mitleid vor dem Elend des Nächsten. Begegnete man z.B. in der prallen Sonne einem Menschen, der keinen Schirm hatte, so nahm man sofort seinen eigenen Schirm herunter, um folgende Worte zum Ausdruck zu bringen: "Gerne würde ich Sie unter meinen Schirm nehmen, aber da dieser für uns beide zu klein ist, möchte ich Ihre Unannehmlichkeit mit Ihnen teilen."

 

Wahrheit und Ehre

Die Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit waren die ersten Regeln des Bushido-Kodex. Als Aufrichtigkeit galt die Kraft und der Mut das zu tun, was getan werden musste, wenn es recht war. Ein aufrichtiger Mann erhielt den Beinamen "Gishi", womit tapfere Männer, Gelehrte und Künstler geehrt wurden. "Giri" war die Pflicht gegenüber seinem Herrn und seinen Eltern. Es war die Pflicht gegenüber der Autorität, die nötig war, um eine Gesellschaft mit Klassenunterschieden aufrechterhalten zu können.

Für das Wort "Ehre" gibt es mehrere Ausdrücke: Na (Name), Men-Moku (Haltung) oder Gai-Bun (Ruhm). Ein guter Name galt als etwas selbstverständliches, und jede Verletzung dessen wurde als Ehrverletzung und Schande (Ren-Tsi-Shin) empfunden. Das Ehrenwort eines Bushi (Bushi-No-Ichi-Gon) genügte, um die Wahrheit einer Behauptung zu verbürgen. Ein Versprechen oder eine schriftliche Bürgschaft war bei einem Samurai nicht nötig, ja es war sogar eine Beleidigung, wenn man dies verlangte. Da es kein Gesetz gab, das die Lüge unter Strafe stellte, wurde der Lügner als ein Schwächling angesehen und als solcher galt er als ehrlos.

Da bei den Samurai ein strenges Ehrgefühl entwickelt war, konnte schon die kleinste Ehrverletzung einen Samurai provozieren, seine beschmutzte Ehre reinwaschen zu müssen. Die Selbsttötung aus verletzter Ehre war daher sehr häufig.

Eine weitere wahre Geschichte:

Als sich einmal zwei Samurai auf der Treppe begegneten, grüsste der eine den andern nicht, weil er glaubte, der andere sei von niederer Abstammung. Der verschmähte Samurai beging kurz darauf Seppuku und hinterliess folgendes Abschiedsgedicht: "Mein Mut verwandelt mein Blut, so dass es dem Deinigen höherrangig ist". Als diese Worte dem ersten Samurai überbracht wurden, rief dieser aus: "mein Blut ist dem Deinigen nicht unterlegen !" und beging ebenfalls Seppuku.

 

Kokoro Bushido - Das Herz des Bushido

Das japanische Zeichen für "Weg" (Do oder Michi) beinhaltet drei Teile: sehen, gehen und führen. Es stellt einen Schüler dar, der einem Meister auf dem Weg folgt.

Wie alles im Buddhismus, ist der Weg sowohl real, als auch sinnbildlich zu verstehen. Der Schüler folgte wirklich einem Meister manchmal jahrelang auf seiner Wanderung durch das Land, aber unter dem "Weg" ist auch das absolute Gesetz des Universums zu verstehen. Aus diesem immanenten Gesetz sind alle Verhaltensregeln abgeleitet, die dem Menschen dienen sollen, die himmlische Ordnung zu erkennen (Satori) und zum höchsten Prinzip (ind. Nirwana) zurückzufinden. Das ist das Herz (Kokoro) und der Weg des Zen-Buddhismus.

Auf einer rein äusseren Ebene beinhalten alle "Dô"-Disziplinen die Beherrschung einer bestimmten Technik, eines Handwerks oder einer Kunst. Aber das fleissige üben dieser Technik (Waza) ist nur der Weg, um auf eine geistige Ebene zu gelangen. An einem bestimmten Zeitpunkt erkennt der Schüler am kleinen Detail das grosse Prinzip (Leere) und durchbricht somit den engen Rahmen der Technik. Er erfährt eine innere Wandlung und befindet sich plötzlich auf dem Weg der inneren Verwirklichung. Jede Do-Disziplin hat also eine innere Lehre, die nur dem reifen Schüler offenbart wird.

 

Das Ende des Bushido

Mit der Meiji-Restauration 1868 wurden die alten Verhaltensmuster der sozialen Kasten der Tokugawa-Epoche schrittweise abgeschafft. Das Bushidô war zum Sterben verurteilt, weil der "Weg des Kriegers" nur in den Rahmenbedingungen einer traditionell-feudalen Kastengesellschaft leben konnte. Die berühmte Schlacht "Bushin-No-Eki" am 23. August 1868 war der letzte vergebliche Versuch des Fürsten Saigo Takamori , die feudale Gesellschaft zu verteidigen. Daimo (jap. "grosser Name") Takamori hatte sich geweigert, die Unterwerfung des Shogun unter die zentrale Regierung des Kaisers Meiji hinzunehmen. Doch in der Schlacht kamen alle ihm treuen Samurai ums Leben oder töteten sich anschliessend selbst.

Einige Jahre nach dieser Schlacht wurden in den Restaurations-Gesetzen von 1876 viele feudalen Privilegien abgeschafft. So durften die Samurai Angehörige von niederen Kasten nicht mehr ungestraft töten (Kirisute-Gomen), sie durften nicht mehr ihre Schwerter als Symbol ihres Standes auf sich tragen und wurden der allgemeinen Wehrpflicht unterworfen, wo sie mit dem gemeinen Volk (Heimin) Dienst leisten mussten. Diese Beschneidung der Privilegien führte noch zu einem letzten Aufstand von 30`000 Samurai, doch dieser endete 1877 kläglich in einer Niederlage und anschliessendem Massen-Seppuku.

In der Zeit vor dem 2. Weltkrieg lebten das Bushidô und der Geist des heroischen Lebens und Sterbens mit Kaiser Hirohito noch einmal auf. Nach der Niederlage von 1945 waren die heroischen Ideale des Bushidô verwässert und der japanische Patriotismus zusammengebrochen

Das Bushidô ist zwar heute in Japan als feudales Klassensystem tot, aber es lebt als Tugend weiter. 

                                                                                                                                 Sonja Simeon