DOJO RUSSLAND

J.A.Bulatow

daito@rambler.ru



Examensarbeit zum Ablegen des 1. Dan
von
Vera E. Brynskaja, Renshi



Giri und Gimu.

Traditionen und Gegenwart


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Traditionen und das Verhältnis zu ihnen sind Dinge, die im Leben erstrangige Bedeutung haben. Traditionen - das ist das, was den Charakter eines Volkes prägt, die Werte seines Lebens, sein Verhalten, seine Handlungsweise und seine Kultur. Kennt man die Geschichte nicht, so ist es schwer den Sinn der Traditionen und ihrer Rituale zu verstehen und warum sie überhaupt entstanden.
In Japan, wo es wenige Bodenschätze, kaum fruchtbare Böden und ein unbeständiges, tückisches Klima mit Hurrikans, Erdbeben und Überschwemmungen gab, war der größte Schatz die dort lebenden Menschen. Darum wird in Japan schon den Kindern die erstrangige Bedeutung seiner Pflichterfüllung vor seinen eigenen Gefühlen und Wünschen nahegebracht. In der japanischen Sprache gibt es für das Wort "Pflicht" zwei ihm entsprechende Wörter - " Gimu" und" Giri". Sie haben, wie viele Wörter der japanischen Sprache mehrere Bedeutungen: Pflicht, Ergebenheit etwas oder jemandem gegenüber, Ehre dem Bushidu-Kodex entsprechend, Treue und Dankbarkeit gegenüber dem, der einem selbst einen Gefallen tat und in schwierigen Situationen beistand. Die Wörter "Pflicht" und "Ehre" gibt es in allen Sprachen. In Europa haben sie allerdings einen etwas anderen, professionellen Anstrich: oftmals werden sie auch in diesem Zusammenhang gebraucht, man spricht z.B. von "Berufsehre", "Ärztetepflicht", "Treue zur Sache" usw. Für einen Japaner bedeutet die Erfüllung seiner Pflicht und das Aufrechterhalten seiner Ehre eine ausschließlich persönliche Sache, unabhängig von seinem Beruf und seiner gesellschaftlichen Stellung. Wenn es in Europa den sogenannten Personenkult gab, d.h. die Anbetung und Glorifizierung einzelner Personen - wie Könige, Führer, Präsidenten usw., so war es in Japan immer die Idee, welche im Mittelpunkt stand : die Vereinigung des Landes, Pflicht und Ehre, der Neuaufbau der Wirtschaft, die Eroberung neuer Gebiete etc.
Die Japaner selbst definieren die Idee der Pflichterfüllung so: "Seine Pflicht vergessen, das heißt, in dir selbst das vernichten, was dich zur unwiederholbaren, einzigartigen Persönlichkeit macht, welche zu großen Handlungen fähig ist. Die Pflicht gegenüber anderen - das ist der Sinn und das eigentliche Wesen des Lebens. Es ist das Einzige über das der Tod keine Macht hat. Dies ist wirkliche Unsterblichkeit. "Seiner Pflicht folgen - das bedeutet ein Mensch mit Ehre zu sein, seine Pflicht zu verletzen - an sich zu denken. Oftmals benutzen die Japaner den Ausdruck "das Gesicht wahren" und meinen damit die Ehre nicht zu verletzen. Im Mittelalter gab es zur Wahrung der Ehre meist nur eine Möglichkeit: die rituelle Selbsttötung - das Seppuku. Das 20.Jahrhundert ist weniger grausam, doch noch immer bedeutet es für einen Japaner das Schlimmste "sein Gesicht zu verlieren" und ein Objekt des Mitleids und der Verachtung zu werden.
Japanforscher meinen, dass die Grundlage für diese Tradition in der Idee der "Verpflichtung aus Dankbarkeit" - "ON" - liegt. Diese Idee fand ihre Festigung durch den aus China kommenden Konfuzionismus mit seinen "fünf Wohltätern": Menschenliebe, Pflichtgefühl, Anstand, Verstand und Wahrheitsliebe. Nachdem die Japaner das Neue in ihren Alltag übernommen, es ihren Lebensformen angepasst und vervollkommnet hatten, erhielten sie das Gewünschte - ein System von Pflichten und Verpflichtungen, welches auf jede beliebige Situation anwendbar war. In dieses System sollte sich das Leben jedes Japaners einordnen lassen. Dank einer strengsten Hierarchie, in welcher es keine Ausnahmen gab, funktionierte das System der Priorität von "Imperator, Land, Familie" erfolgreich über mehrere Jahrhunderte.
Die ergebensten Anhänger der Traditionen des "Gimu" und "Giri" waren die "Samurai". Leben und Tod eines Samurais war dem Bushido-Kodex untergeordnet, dessen Hauptidee die Idee des Dienens war.
Jeder Samurai diente dem Imperator, dem Land und seinem Dienstherrn. Wie jeder Japaner waren auch die Samurai vernetzt in ein System von Pflichten und Verpflichtungen gegenüber wiederum dem Imperator, dem Land, dem Dienstherrn, dem Lehrer, der Familie, den Nachkommen, den Eltern, den Freunden usw. Jeder erfüllte seine Pflicht so wie er sie verstand, die einzige Enschuldigung für die Nichterfüllung war der Tod. Der Tod galt als ehrenvoll nur im Kampf oder aber von eigener Hand; jeder andere Tod galt als unehrenhaft und die Schande verfolgte die gesamte Familie.
Ein Samurai, der sich etwas zuschulden kommen ließ, aber dessen Tat nicht niederer schändlicher Art war, wurde von unehrenhafter Strafe befreit. Sein Dienstherr schickte ihm den Befehl zum Seppuku und gab ihm damit die Möglichkeit seine Ehre und die Ehre seiner Familie wiederherzustellen. Andere Gesellschaftsschichten hatten diese Möglichkeit nicht, das war ausschließlich ein Priveleg der Samurai, aber auch sie waren bereit im Namen der Ehre und Pflicht zu sterben, um der Schande zu entgehen. Als Vertreter der herrschenden Klasse hatte ein Samurai nicht nur die Verantwortung für seine Worte und Taten zu tragen, sondern auch für öffentliche Ordnung zu sorgen und beim geringsten Widerstand sein Schwert zu ziehen. Zu seinen Pflichten gehörte es jeden zu strafen, welcher sich, nach seiner Meinung nicht achtungsvoll verhielt. Im Japanischen wird dies durch die Worte "Kirisute-Gomen" ausgedrückt. (Es ist möglich, dass damit auch das Geheimnis der sprichwörtlichen Höflichkeit und des Taktes der Japaner zu erklären ist, welche Ausländer immer wieder verblüfft.)
Ein glühendes Beispiel der Treue zu seinem Dienstherrn war es, wenn man ein Mitglied seiner Familie als Vasallen dem Dienstherrn opferte. Die Geschichte enthält viele Legenden über dieses Thema. Es ist auch ein häufiges Thema des Theaters. Die Gräber der 47 Samurai - die Legende über ihren Tod kennt jeder Japaner (sie wird in den Schulen gelehrt), sind auch heute noch ein Wallfahrtsort für viele, obwohl schon mehr als 150 Jahre seit ihrer Heldentat vergangen sind.
Die Meidsä-Revolution führte zur Angleichung aller Schichten. Die Öffnung des Landes für Ausländer ebnete den Weg für einen westlichen Lebensstil. Viele Traditionen gerieten in Vergessenheit.
Das Seppuku wurde eine Seltenheit. Die letzten bekannten Selbsttötungen dieser Art fanden nach der Kapitulation Japans im Jahre 1945 statt. Einzelne Fällen wie der Tod des Poeten Hanshiro - 1960 oder der Tod des Schriftstellers und Politikers Jukio Misima - 1970 waren die große Ausnahme. Die Traditionen des Bushido-Kodexes wurden nur noch in einigen wenigen geheimen Kampfkunstschulen bewahrt. Aber die Japaner selbst sagen nicht für umsonst: "Was auch immer mit dem Land geschieht, der Bushido-Kodex wird doch nicht untergehen. Wir kleiden uns zwar in amerikanische Sachen,unsere Frauen lassen sich die Haare kurz schneiden und unser Leben nimmt immer mehr Züge der westlichen Welt an. Und trotzdem, das alles ist nicht so wichtig. Dies alles sind nur äußere Anzeichen des Strebens nach Priorität in der Welt. Wir müssen und werden unsere ältesten Traditionen bewahren."
Gerade diese Traditionsverbundenheit - die Pflicht gegenüber dem Land - gestattete es den Japanern aus der ökonomischen Nachkriegskrise herauszukommen und selbst die westlichen und natürlich alle östlichen Länder in ihrer Entwicklung weit hinter sich zu lassen und das Ganze in einer Zeit von weniger als 20 Jahren.
Das Leben eines Japaners ist auch heute noch wie früher von den gleichen Prioritäten bestimmt - Imperator, Land, Firma und Familie; genau in dieser Reihenfolge. Das traditionelle Verständnis von Pflicht und Ehre wandelte sich zu modernerer Art und Weise, aber verschwand nicht.
Bestimmte Traditionen finden wir überall: trotz moderner westlicher Möbel in Hotels und Büros, ziehen die Japaner zu Hause Tatamis vor, bevorzugen sie die ältesten Formen des japanischen Theaters - das "No", "Kabuki" und "Bunraki". Diese Theaterformen unterliegen einer enormen Entwicklung, obwohl ihr Aussterben schon seit langem vorausgesagt wird. Mit der Kunst des Ikebana, der Teezeremonie, der Kalligraphie, dem Origami, der traditionellen Malerei beschäftigt sich die Mehrzahl der Bevölkerung auf verschiedenste Art und Weise. Auch das Sumo ist immer noch die beliebteste Sportart des Landes. Viele Geschäftsleute und Politiker beschäftigen sich neben den modernen Sportarten wie Tennis oder Golf mit solch traditionellen Waffenkünsten wie Kendo oder Iaido.
Das Buch von Miyamoto Musashi "Go Rin No So" gilt als Handbuch für das praktische Handeln, die Wissenschaft der Bürokratie bezeichnen sie als "Karido".
Die Erhaltung der Traditionen über hunderte von Jahren beweist deren Notwendigkeit. Wenn die direkte Notwendigkeit entfällt, aber die Tradition dennoch erhalten wird, bedeutet das, daß sie in den Menschen Gefühle und Emotionen wachhält bzw. hervorruft, um derenthalben es sich lohnt, sie zu bewahren. Die traditionellen Rituale gestatten es den Menschen sich zu konzentrieren oder zu entspannen, rufen Gefühle der Freude oder der Traurigkeit hervor, gehen ihnen die Möglichkeit Schönes für sich und andere zu schaffen. Einige japanische Traditionen wie: Ergebenheit gegenüber der Heimat, der Firma, den Lehrern, den Eltern oder aufopferungsvolle Arbeit oder Höflichkeit und Aufmerksamkeit gegenüber dem Gesprächspartner oder bedingungslose Unterordnung unter Ältere oder Zusammenhalt bei dem Streben zu einem Ziel - wären nützlich auch für jede andere Gesellschaft, besonders wenn sie sich in einer Krise wie die jetzt existierende befindet.
Natürlich gibt es auch in Japan Dinge, die verbesserungswürdig sind. So z.B. die Demokratisierung der Beziehungen zwischen den Vorgesetzten und den Untergebeben. Der Untergebene sollte das Recht haben die Initiative zu ergreifen bzw. teilnehmen können an der Beschließung ihn betreffender Dinge - was in der Mehrzahl der japanischen Firmen für unzulässige Willkür gehalten wird. Ebenso ist es üblich, dass, wenn jemand einen Fehler macht, er auf einen unter seiner Qualifikation liegenden Posten degradiert wird und keine Chance mehr hat aufzusteigen. Das ist nicht richtig, denn jeder Mensch kann sich irren oder einen Fehler machen, er sollte die Möglichkeit bekommen ihn zu berichtigen und wieder gut zu machen, im anderen Fall ist es möglich, dass er das Interesse an der Arbeit oder sogar am Leben verliert. übrigens waren es gerade diese neuen Anschauungen, welche es dem Herrn Morita gestatteten seine Company 'Sony" auf einen führenden Platz in der Welt zu bringen.
Selbstverständlich ist es, dass die alten Traditionen des Giri und Gimu besonders in den Kampfkunstschulen gebraucht werden. Denn dort erhalten die Schüler Wissen und Fähigkeiten, welche im Negativen angewandt viel Leid und Elend bringen können. Gibt man seinen Schülern eine Waffe in die Hand, so ist man auch für die Folgen dieser Tat verantwortlich und dazu ist absolutes Vertrauen in den Schüler notwendig. Während früher das Hauptziel der Kampfkünste Trainierenden war sich selbst zu besiegen und seine Schwächen zu bekämpfen, so ist dies heute leider nicht mehr der Fall. Heute steht oftmals im Mittelpunkt des Interesses Überlegenheit und Macht über andere zu bekommen. Die Leute erlernen Techniken, üben Angriff und Abwehr, zerschlagen Bretter und Ziegelsteine und denken, dass sie sich dabei mit Kampfkunst beschäftigen - dass sie ihren Weg gehen. In Wirklichkeit aber beschäftigen sie sich nur mit "Jutsu" (Technik), denn die wahren Kampfkünste sollen sich in erster Linie mit der Entwicklung des Bewusstseins beschäftigen. Der Trainierende soll zuallererst einmal lernen sich selbst zu kontrollieren und zwar in jeder Situation, er soll lernen Verantwortung zu tragen für sich, seine Worte und Taten, soll Ergebenheit zeigen gegenüber seiner Schule und seinem Lehrer. Diese Eigenschaften soll er nicht nur im Dojo demonstrieren, sondern immer und überall. Ohne diesen ideellen Inhalt verwandelt sich jede Kampfkunst in eine Show. Keiner käme auf die Idee Basketball oder Leichtatlethik als " Lebensweg" oder "Lebensinhalt" zu bezeichnen, weil sie eben keiner geistigen Idee oder Philosophie folgen. Selbstverständlich entwickeln auch andere Sportarten gewisse Charaktereigenschaften des Menschen wie Ausdauer, Geduld, Wille zum Sieg u.a. Aber immer wieder ist zu beobachten,dass gerade diese Sportler ihre Trainer häufig wechseln, unhöflich auftreten, manchmal sogar unmoralisch, sich unfair gegenüber ihren Rivalen verhalten, ja sogar in gerichtliche Streitigkeiten gelangen. Das heißt - Sport ist für sie in erster Linie eine Möglichkeit zum Geldverdienen, manchmal auch um berühmt zu werden oder im besten Fall zum persönlichen Wohlbefinden und zur Erhaltung der Gesundheit. Diejenigen aber, die die Beschäftigung mit Kampfkünsten zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben, können sich nicht so verhalten. Sie sollen zurückhaltend und höflich sein, die Etikette in jedem Fall zu wahren wissen. Dies alles sind Traditionen der alten Kampfkunstschulen, tausendfach bewährt. Leider nennen sich die modernen Kampfstile oftmals Fortsetzer dieser oder jener alten Kampfkunsttradition. Aber eine blinde Nachahmung ohne Versuch des Überdenken und Aufarbeitens, ja sogar einer gewissen Anpassung kann leicht in eine Sackgasse führen. Ein Beispiel dafür ist das Aikido, welches sich als Träger der Traditionen des Takeda Klans versteht. Das heißt des Stils Daito-Ryo Aiki Jujutsu, welcher seit dem 9. Jahrhundert festgeschrieben ist. In das Arsenal des Stils flossen einst über 3000 Basistechniken, das Aikido aber übernahm nur einen geringen Teil davon, da, wie wir wissen sein Begründer Moriche Uesiba nur etwa 100 Lehrstunden bei seinem Meister erhielt. Heute können wir sagen, dass er lediglich einen Bereich des Daito-Ryo erlernte und entsprechend entwickeln konnte - den Bereich des Werfens und Festhaltens.
Auch der Begründer des Hapkido Tsche-chwe Jonsol, welcher sich 10 Jahre mit dem Erlernen des Daito-Ryu Aiki Jujutsu's abmühte, richtete den Hauptaugenmerk auf die Entwicklung der Wurftechniken. Der Unterschied zwischen beiden Schulen besteht lediglich darin, dass beim Aikido der Gegner akkurat zu Fall gebracht wird, während beim Hapkido der Wurf mit voller Kraft erfolgt und dabei versucht wird dem Gegner etwas zu brechen. Desweiteren wird beim Hapkido mehr Wert auf die Ausbildung mit Waffen gelegt,als beim Aikido.
Das Aikido hat seine größte Verbreitung in Japan, das Hapkido in Korea; die Entstehung beider Kampfstile wird zeitlich dem Anfang des 20. Jahrhunderts zugeordnet.
Natürlich ist es für einen Menschen der westlichen Welt ungeheuer schwer die Gedankensweise des Ostens zu verstehen und anzunehmen, den Geist der Traditionen und Rituale zu verinnerlichen. Doch ohne dies sind alle Werte, welche nur einfach rein äußerlich übernommen werden sinnlos; sie verlieren ihr eigentliches Wesen, erscheinen leer und nichtig; ja,wirken sogar wie aufgesetzt, erfunden und überflüssig.
In Europa ist die Annahme der Traditionen der Kampfkünste noch weitaus rückständiger, als in Amerika. Dorthin emigrierten nach dem Ende des 2.Weltkrieges viele Chinesen, Japaner und Koreaner, die Träger dieser Traditionen waren.
Allerdings stand auch in Amerika bei der Entwicklung des Kampfsports das Business an allererster Stelle.
Darum gibt es in Europa auch wenig verschiedene Kampfstile.

Die Kampfkunst "Shorai-Do Kempo" hat in dieser Hinsicht eine fast priveligierte Stellung. Das Shorai-Do Kempo ist der Nachfolger des Daito-Ryo Aiki Jujutsu und zwar nicht nur in technischer Hinsicht, sondern vor allen Dingen auch in seiner Ideologie, seinen Moralauffassungen und seinen Traditionen. Den Schülern dieser Schule werden hauptsächlich die schon weiter oben beschriebenen traditionellen Forderungen der alten Kampfkunstschulen nahegebracht. Das Verhältnis der Älteren und Jüngeren ist durch eine festgeschriebene Hierarchie geregelt, doch jeder Trainierende fühlt sich mit der Sache als Ganzem verbunden und gilt als Mitglied des "Klans".

Ich selbst beschäftige mich mit ostasiatischen Kampfkünsten schon seit 6 Jahren. Die ersten 2 Jahre trainierte ich Shotokan-Karate, die weiteren 4 - Shorai-Do Kempo. Drei Jahre bin ich als Übungsleiter tätig, seit 1995 als Instrukteur. Obwohl mir die Arbeit mit den Kindern sehr viel Freude macht und ich stolz auf ihre Erfolge bin (von 12 Schülern der fortgeschrittenen Gruppe wurden 5 in das Aus Wahlteam des Dojo St.Petersburg aufgenommen, 5 Schüler sind Träger des gelben Gürtels und bereiten sich auf die Orangegurtprüfung vor), so steht doch mein persönliches Training an allererster Stelle. Ich ziehe es vor lieber kleinere und weniger Gruppen zu trainieren, aber dafür mehr Zeit für meine eigene Entwicklung zu haben. Dies ist zwar materiell wenig ergiebig sowohl für mich, als auch für den Verein, aber für mich ist es eine Notwendigkeit. Im anderen Fall würde ich mich vor meinen Schülern unsicher fühlen, wenn ich das Gefühl hätte, dass sie mich einholen oder sogar besser werden würden als ich es bin. Wenn die Gefahr bestehen würde, dass ich mein eigenes Training vernachlässigen müsste oder es nicht mehr in dem gewünschten Umfang durchführen könnte, so würde ich von meiner Trainertätigkeit zurücktreten. Trainer zu sein heißt für mich Verantwortung tragen für die Entwicklung meiner Schüler, ihnen mein Wissen und Können weiterzugeben und ihnen die Möglichkeit zur selbstständigen Entwicklung zu geben,wenn ihre Zeit reif ist. Meine Pflicht gegenüber dem Verein und besonders gegenüber meinem Sensei - Wladimir Sdobnikov - ist es, mich immer und überall als würdig zu erweisen, niemals auf dem Erreichten auszuruhen, mich den Älteren gegenüber mit Achtung und Ergebenheit zu verhalten und Verantwortung für mich und meine Schüler zu tragen.
Ich habe das Ziel mit dem Jahre 1997 ein eigenes Dojo zu gründen; zu dieser Zeit werde ich genügend Unterstützung durch den Nachwuchs aus der Fortgeschrittenengruppe haben.
Wenn ich die Überzeugung gewinne und sehe, daß meine Schüler ehrlich und moralisch wachsen und sich entwickeln, so werde ich wissen, dass meine Kraft und meine Anstrengungen, die ich in sie investiert habe nicht für umsonst waren. Und wenn sie, dann Erwachsene, auch ihre Kinder in unsere Kampfkunstschule bringen, so ist ein Teil meiner Pflicht erfüllt.

Vera E. Brynskaja

April 1995, St. Petersburg


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