Vortrag von Leon Pantanowitz über die
Zukunft des Karate-do, gehalten anlässlich des Okinawa Budosai '98 -
Symposiums

Leon Pantanowitz (International Okinawa
Goju-ryu Karate Federation, Israel), Shigeki Yoshi (Dolmetscher), Sakiyama
Sogen Roshi, Nakamura Tamotsu (Ryukyu University Professor).
Die große Tradition des "TE"
(Hand) auf Okinawa, einer Kampfkunst, die den menschlichen Körper in eine
Waffe verwandelt und ihn für die Selbstverteidigung trainiert, aber, was
widersprüchlich klingen mag, die Hand in Freundschaft und Frieden ausstreckt,
ist das Ergebnis der Synthese, die sich im 18. Jahrhundert zwischen der Kunst
des okinawanischen "Te" und der chinesischen Kunst des Kempo-Boxens
ergab, das damals in Fuzhou (Provinz Fukien) praktiziert wurde. Die Geschichte
der Wurzeln und der Entwicklung dieser Synthese sind ganz großartig in Morio
Higaonna-Senseis Buch "The History of Karate - Okinawan Goju-Ryu (Die
Geschichte des Karate - Goju Ryu von Okinawa)" aufgezeichnet; es bedarf
keiner weiteren Kommentierung, außer es als umfassendes Werk und Lehrbuch für
alle Karateka zu empfehlen, die es noch nicht gelesen haben. In der wenigen
mir zur Verfügung stehenden Zeit ist es meine Absicht, Gedanken vorzutragen,
wie diese Tradition für die Zukunft erhalten und weitergeführt werden kann,
damit künftige Generationen so viele Wohltaten und Freude aus dem harten
Training dieser Tradition gewinnen, wie ich sie gewonnen habe.
Was ist Tradition?
Die Bedeutung des Wortes Tradition ist "überliefern" oder
"weitergeben" von greifbaren materiellen Werten in ihrer ursprünglichen
unveränderten Form von Generation zu Generation, vom Vater zum Sohn usw.. Das
"Weitergeben" oder "Überliefern" einer Tradition hat im
herkömmlichen Sinn zwei Facetten: zum einen ein Weiterleiten oder Lehren der
physischen Elemente der Traditon und zum anderen ein Überliefern der mündlichen
Tradition, die ergänzt, ausfüllt, erklärt und so die physischen Elemente
der ersten Facette vervollständigt.
Die Kata ist ein einfaches Beispiel dafür, anhand dessen dies alles
verdeutlicht werden kann. Die Form der Kata ist der physische Aspekt; sie wäre
aber statuenhaft ohne die sie begleitende mündliche Tradition, die der Kata
Leben einhaucht, ihren zeitlichen Ablauf bestimmt, ihr Focus, Muchimi, Chiru
no chan chan gibt und alle weiteren ihr innewohnenden Qualitäten hervorholt,
in Verbindung mit ihrer traditionellen Bunkai und ihrer Anwendung zur
Selbstverteidigung, die die "Statue" in eine Kampfkunst - eine Kunst
der kraftvollen Schönheit - verwandelt.
Seit seinen frühesten Anfängen wurde der Karate-do von Okinawa von der
Philosophie des Buddhismus beeinflußt, im besonderen vom Zen-Buddhismus,
dessen Essenz ist, das Ego als Gesamtheit zu leugnen oder etwas, was real
existiert. Der Zen Buddhismus stellt die Leere der Dinge, d.h. das
"kara" des "te" oder des Sinnes dar, und folglich die
Leere des Ego. Wenn man Karate mit dem Verständnis ausübt, dass es eine Form
des "Zen in Bewegung" ist, trainiert man sich selbst, um die
Kontrolle zu bewahren, so daß man in einer wirklichen "Leben und
Tod"-Situation in der Lage ist, die eigenen Ängste niederzukämpfen und
die Techniken mit Klarheit und Ruhe auszuführen, um zu überleben und sich
erfolgreich zu befreien. Das ist die Tradition des Bushi-do, wovon der
Karate-do von Okinawa ein grundlegender Teil ist.
Jetzt möchte ich eine andere Tradition, die diametral gegensätzlich ist,
vorstellen, und die die absolute Antithese zum philosophischen Begriff des
"Leerens des Ego" darstellt. Diese Tradition wurzelt im alten
Griechenland, wo die olympische Bewegung geboren wurde, die die olympischen
Spiele hervorbrachte, die heute eine Bastion des neuzeitlichen sportlichen
Wettkampfs darstellen. Die Antriebskraft des neuzeitlichen Sportlers ist es,
der Beste zu sein um einen Preis, eine Medaille, Geld zu gewinnen, um
Tantiemen aus mit seinem Namen versehenen Kleidungsstücken oder Waren zu
erhalten. Das Ziel des neuzeitlichen Sportlers ist, Rekorde zu brechen,
schneller zu sein, höher zu springen, weiter zu werfen - Glänzen und
Gewinnen, ein Star zu sein - sein Ego ist nicht fürs Leeren, sondern fürs Überfüllen!!
Neuzeitliche Sportwettkämpfe haben unglaublichen Auftrieb durch Medien
erhalten, die von großen Unternehmen gesponsort werden. Karate-Organisationen
auf der ganzen Welt, auch solche, die sich als traditionell bezeichnen, haben
geäußert: "wir wollen auch dabei sein", so wie Tennis, Fußball,
Baseball, Leichtathletik, die Olympioniken, wie Judo. Deshalb haben sich
traditionelle und nicht traditionelle Karate-Organisationen kopfüber in das
Organisieren von Karatewettkämpfen gestürzt und haben Welt-Karate-Wettkämpfe
zu ihrem obersten Ziel erklärt.
Der dafür gezahlte Preis ist für die "Kampfkünste" und das
Aufrechterhalten der "Tradition" horrend. Die meisten der heutigen
Kumite-"Welt-Champions" kennen nicht einmal die Ausführung einer
einzigen Kata. Wenn sie als Athleten "ausgebrannt" sind, bedeutet
das für sie das Ende ihres Weges der "Kampfkünste".
Im Wettkampf wurden die Formen der Kata verändert, um die Kampfrichter mit Ästhetik
und Form zu beeindrucken, und dabei die Kraft und martialische Bedeutung zu
opfern. Ich sage vorher, dass künftige Kata-Präsentationen so wie jetzt
bleiben werden, nämlich drei Runden. Die erste und zweite Runde werden
Ausscheidungsrunden sein, wo Shitei Kata eingesetzt werden, aber nur acht Kata
zugelassen sein werden: jeweils zwei aus Wado Ryu, Shotokan, Shito und Goju,
aber sie werden vollkommen standardisiert sein, was zur Folge haben wird, dass
der Stil nicht mehr identifizierbar ist. Die dritte Runde wird zur
Medaillenrunde für den ersten, zweiten und dritten Platz werden, unter
Einsatz von Tokui Kata (vollständig freie Kata), neuer Kata, die die
athletische Gewandtheit des Wettkämpfers herausstellt, choreographiert von
Experten für Filmkampfszenen, Ballett, Gymnastikübungen usw. Später wird
das Ganze dann sogar von Musik begleitet werden. Der einzige Unterschied
zwischen einem Eiskunstlaufwettbewerb und einem künftigen Katawettbewerb
werden das Eis und die Schlittschuhe sein. Auch farbige Gi mit verschiedenen
Mustern werden eingeführt werden.
(Anmerkung: Farbige Faustschützer in rot und blau gibt es ja bereits, und
werden bei der WKF WM 2000 in München eingesetzt!)
Zweiffelos haben Karatewettbewerbe in den vergangenen Jahren dazu beigetragen,
Karate populär zu machen, aber die Leute dachten, dass sie immer noch das
"traditionelle Karate" praktizieren. Ich denke, daß die Seifenblase
nunmehr geplatzt ist und dass, damit Karatewettbewerbe für ein
nichtprofessionelles Publikum annehmbarer werden, Karatewettkämpfe immer
weniger traditionell sind. Judo hat ein ähnliches Schicksal erfahren, aber in
Bezug auf das Karate werden die Ergebnisse, was die Tradition und die Möglichkeiten
der Kampfkünste betrifft, weit schwerwiegender sein.
Es scheint daher, dass Tradition für Karatewettbewerbe nicht gut ist und dass
Karatewettkämpfe nicht gut sind für traditionelles Karate. Die Medien, das
große Geschäft und Sponsoren bevorzugen den Sport und Sportwettkämpfe. Wie
kann also der traditionelle Karate-Do in dieser modernen Welt überleben?
Das erste grundlegende Erfordernis für sein Überleben ist, dass wir, die Ausübenden,
glauben und diesen Glauben auch verinnerlichen müssen, dass die Traditon großen
Wert hat. Das zweite Erfordernis ist, dass seine Wurzeln, Geschichte, physische
und mündliche Tradition von uns unverändert praktiziert werden müssen. Wenn
man etwas wie eine Kata zugunsten der Bequemlichkeit, des Wettkampfs oder
irgendeines anderen Grunds verändert, zerstört man die Tradition. Eine sehr
gute Oyo Bunkai, die in eine Kata eingebracht wird, verändert die Kata für
immer, weil der ursprünglich korrekte Ablauf verloren geht. Das dritte
Erfordernis für uns als traditionelle Karateka ist, Wettkämpfe klar zu
umschiffen. Es ist meine unabänderliche Meinung, dass Karatewettkämpfe der
Todesstoß des traditionellen Karate sind.
Wir werden mit einem großen finanziellen Problem konfrontiert werden, da
Regierungen Gelder vorrangig olympischen Sportarten zuführen, danach erst
nichtolympischen Sportarten, aber kein Geld an traditionelle Unternehmungen
wie Karate vergeben. Um dies zu bekämpfen, werden Budo Sai wie das heutige
und von Hauptsponsoren organisierte Demonstrationen notwendig sein. Wir müssen
uns in einem großen "Business Brain" vereinigen.
Am Ende mögen wir
kleiner sein, aber wir werden die Essenz darstellen, und die Essenz überlebt
immer.
http://www.matayoshi-kobudo.de/leon.htm